Das ist der ERSTE SCHRITT zu einer veränderten Gemeinde!
Gloralis
Disclaimer: The opinions expressed in this article are solely those of the author and do not represent the views of Gloralis We publish various perspectives to encourage thoughtful discussion. Wie Gemeinden eine echte Evangelisationskultur entwickeln: Ein Gespräch mit Reto Pelli Einleitung In dieser Folge des Podcasts "Machbar" spricht Christian mit Reto Pelli, Pastor und Leiter des Bereichs Multiplikation an der Prisma-Kirche in Rapperswil, Schweiz, über ein Thema, das viele Gemeinden beschäftigt: Wie entsteht eine echte Evangelisationskultur – und wie hält man daran fest, auch wenn die Entwicklung langsam verläuft?
Pelli berichtet aus über 25 Jahren Erfahrung, in denen die Prisma-Kirche von rund 60 zerstrittenen Mitgliedern auf heute etwa 1.200 Menschen gewachsen ist. Im Gespräch geht es um biblische Aufträge, Kulturveränderung, Fokussierung durch Verzicht sowie um sein Projekt "42 Tage für meine Freunde", das mittlerweile in über 350 Gemeinden im deutschsprachigen Raum eingesetzt wurde.
Zur Person: Reto Pelli
Reto Pelli ist Mitte 50, verheiratet mit Marlis und mehrfacher Vater. Er kam als Jugendlicher bei einem Pfingstlager zum Glauben und lernte ursprünglich den Beruf des Drogisten. Bereits in jungen Jahren predigte er auf Pfingstlagern und erlebte erste Bekehrungen. Seit 1997 ist er Pastor und Leiter des Bereichs Multiplikation an der Prisma-Kirche in Rapperswil, die 1883 gegründet wurde. Als Pelli und seine Frau dort als Praktikanten begannen, zählte die Gemeinde nur noch etwa 60 zerstrittene Mitglieder und hatte kaum Jugendarbeit. In den folgenden 30 Jahren wuchs die Gemeinde auf rund 1.200 Mitglieder. Privat lebt Pelli am Zürichsee, fährt bei schönem Wetter Vespa und wohnt in der Nachbarschaft des Tennisspielers Roger Federer.
Warum müssen Gemeinden ihre Relevanz hinterfragen?
Pelli stellt Gemeinden gerne eine provokante Frage: Was würde eigentlich fehlen, wenn es die Gemeinde gar nicht gäbe? Für ihn ist es entscheidend, dass sich Gemeinden regelmäßig fragen, warum es sie überhaupt gibt und was der biblische Auftrag einer Kirche ist. Viele Gemeinden würden sich zu sehr um sich selbst drehen, anstatt zu fragen, ob ihr Fehlen am jeweiligen Ort überhaupt bemerkt würde.
Diese Frage ist laut Pelli besonders relevant angesichts nüchterner Zahlen: In Deutschland kommen im Durchschnitt nur 1,5 neue Mitglieder pro Jahr in eine freikirchliche Gemeinde – in der Schweiz sieht es ähnlich aus.
Warum reicht eine einzelne Evangelisationsaktion nicht aus?
Auf die Frage, warum es nicht genüge, einfach ein paar neue Evangelisationsevents zu starten, betont Pelli, dass es Aufgabe von Leitern und Gemeindeleitung sei, zunächst die Realität ehrlich zu benennen. Man solle bei der Not beginnen, nicht bei der Vision: Wie viele Menschen kommen tatsächlich neu zum Glauben – nicht durch Wechsel aus anderen Gemeinden, sondern durch echte Bekehrung?
Als die Prisma-Kirche mit 60 Mitgliedern neu anfing, stellte die Leitung der Gemeinde eine grundlegende Frage: Was ist der biblische Auftrag der Kirche? Anhand von rund 25 Bibelstellen erarbeitete die Gemeinde gemeinsam eine Antwort und kam auf fünf zentrale Werte, die bereits die erste Gemeinde in der Apostelgeschichte gelebt hatte: Gemeinschaft, Lehre und Jüngerschaft, diakonisches Handeln, Anbetung sowie eine starke evangelistische Ausrichtung, durch die täglich Menschen zum Glauben kamen.
Pelli warnt davor, "Kirche zu spielen", wenn man diese Werte nicht ehrlich reflektiert. Stattdessen solle man offen benennen, wo man wirklich steht, und daraus konkrete Schritte ableiten: Wie könnten wir die Menschen in unserer Stadt erreichen? Was müssen wir ändern? Wie entsteht eine Kultur, in der es normal wird, dass Menschen zum Glauben kommen?
Wie lange dauert eine Kulturveränderung?
Nach Pellis Erfahrung lassen sich Ziele einer Gemeinde innerhalb weniger Wochen definieren, Strukturen innerhalb einiger Monate verändern – eine echte Kulturveränderung dagegen benötigt fünf bis sieben Jahre. Er vergleicht dies mit der Erziehung von Kindern: Auch das selbstständige Zähneputzen oder das regelmäßige "Danke sagen" entwickelt sich nicht über Nacht, sondern durch vorgelebte Kultur.
Als Beispiel erzählt er, wie seine vierjährige Tochter ihn einst fragte, warum er beim Fahrradfahren keinen Helm trage, obwohl er dies von den Kindern erwartete. Da er kein Argument dagegen hatte, kaufte er sich selbst einen Helm – von diesem Tag an war klar, welche Kultur die Familie leben wollte.
Jede Familie und jede Kirche hat laut Pelli eine eigene Kultur, die sich an drei Kriterien erkennen lässt:
Wofür betet die Gemeinde? Pelli beobachtet, dass viele Gebete sich vor allem um die eigene Gesundheit und Sicherheit drehen – obwohl man in einem der reichsten und best versicherten Länder der Welt lebt.
Wofür gibt die Gemeinde Geld aus? Das Budget zeige deutlich, welche Kultur tatsächlich gelebt wird.
Was geschieht automatisch, ohne dass es sich wie eine einmalige Aktion anfühlt? Wenn eine Evangelisationsveranstaltung alle zwei Jahre stattfindet, aber im Alltag niemand mehr Freunde mitbringt, handelt es sich um eine Aktion – nicht um eine Kultur.
Sein Ansatz war von Anfang an, keine einmaligen Aktionen zu schaffen, sondern eine dauerhafte Kultur zu etablieren – beginnend mit der gemeinsamen Klärung des biblischen Auftrags und darauf aufbauenden, konkreten Jahreszielen.
Wie entwickelt eine Gemeinde eine langfristige Vision?
Eine langfristige Vision entsteht laut Pelli konsequent aus dem biblischen Auftrag – nicht aus der neuesten Gemeindebauwelle aus Amerika oder Asien. Man solle an diesem Auftrag festhalten, bis er erfüllt ist.
Er berichtet von einem Gemeindeleiter, der behauptete, seine Gemeinde sei bereits evangelistisch aktiv, weil jährlich fünf bis zehn Menschen erreicht würden – bei einer Stadt mit 40.000 Einwohnern. Pellis Fazit: Solange nicht alle Menschen erreicht sind, ist der Auftrag nicht erfüllt.
Zur Veranschaulichung nutzt er die Geschichte eines Schuhverkäufers, der nach Afrika reiste, um dort Schuhe zu verkaufen. Sein erster Bericht lautete, es gäbe dort keinen Markt, da alle Menschen barfuß liefen. Der nächste Verkäufer, der Monate später geschickt wurde, erkannte dagegen einen riesigen Markt und forderte gleich mehrere Schiffsladungen Schuhe an. Für Pelli ist dies eine Frage der Haltung: Sehen wir die Möglichkeiten oder resignieren wir vor vermeintlich hartem Boden?
Pelli unterscheidet vier verschiedene Sichtweisen, die in Gemeinden oft gegeneinander ausgespielt werden, obwohl es auf alle vier zugleich ankommt:
Mehr Gebet
Mehr innere Erneuerung und Motivation
Bessere Leitung, Struktur und klare Ziele
Zeitgemäße Kommunikation
Ein prägendes Erlebnis beschreibt er aus einer Beratung, bei der er eine Gemeindeleitung fragte, wann sie zuletzt jemanden eingeladen hätten. Die ehrlichen Antworten reichten von Zeitmangel über peinliche Predigten bis zu technischen Problemen im Gottesdienst. Diese Offenheit war für Pelli der entscheidende erste Schritt, um konkret zu überlegen, wie ein Gottesdienst gestaltet sein müsste, damit Menschen ihre Freunde mitbringen.
An der Prisma-Kirche geschieht Evangelisation fast ausschließlich über persönliche Beziehungen, nicht über zusätzliche Werbung oder spezielle Veranstaltungen. Der Anspruch: Jeden Sonntag sollen Gemeindemitglieder Freunde mitbringen können, die Jesus nicht kennen, und diese sollen verstehen können, worum es geht – ohne dass die Predigten dadurch oberflächlich würden.
Ein wichtiger Baustein waren sogenannte Zeugnisgottesdienste, bei denen Menschen ihre persönliche Glaubensgeschichte erzählen. Es dauerte laut Pelli etwa zwei Jahre, bis die Gemeinde genug Vertrauen aufgebaut hatte, um regelmäßig Freunde zu solchen Gottesdiensten einzuladen. Heute sind diese Veranstaltungen fester Bestandteil der Gemeindekultur und regelmäßig sehr gut besucht.
Fokussierung durch Eliminierung
Auf die Frage, was Gemeinden weglassen sollten, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, betont Pelli, dass viele Gemeinden durch Sitzungen und Organisation so ausgelastet seien, dass keine Kraft mehr für echte Beziehungen bleibe. Der Aufbau einer reifen Gemeinde brauche etwa 20 Jahre – man müsse daher in Phasen denken und bewusst entscheiden, was wegfällt.
An der Prisma-Kirche wurde beispielsweise die traditionelle Jungschararbeit abgeschafft, um den Fokus stärker auf den Sonntagmorgen mit Kindern zu legen. Solche Entscheidungen bezeichnet Pelli als das "Schlachten heiliger Kühe" – schmerzhaft, aber notwendig. Nicht verzichten würde er dagegen auf das Gebet, das er sehr hoch priorisiert.
Auch beim Personal verfolgt die Gemeinde eine klare Strategie: Ab 100 Mitgliedern sollte eine Gemeinde die zweite hauptamtliche Stelle schaffen können, um Energie für Innovation und die Schulung von Mitarbeitenden freizusetzen. Pelli selbst kam als zweiter Hauptamtlicher, als die Gemeinde noch 60 Mitglieder zählte.
Ermutigung in schwierigen Phasen
Pelli spricht offen über eine Depression, die er im ersten Jahr seines Dienstes erlebte, weil trotz seines evangelistischen Engagements zunächst niemand zum Glauben kam. Ein Kollege ermutigte ihn damals mit den Worten, dies sei Teil seiner Ausbildung – Gott bilde ihn dadurch. Pelli holte sich professionelle Hilfe und erkannte eigene Verhaltensmuster.
Er betont, dass Gemeindebau mit langem Atem nicht nur aus schönen Erfolgen bestehe, sondern auch aus vielen "Kämpfen" im Hintergrund – dem sogenannten "Backstage-Bereich". Leiter würden zu oft nur über sichtbare Erfolge sprechen, aber zu selten über die Belastungen dahinter. In den ersten zehn Jahren war Pelli nach eigener Aussage regelmäßig an den Wochenenden erschöpft oder krank, während gleichzeitig zu Hause private Herausforderungen zunahmen.
Ein zentraler Schlüssel für die enge Zusammenarbeit mit seinem Kollegen René Christen war laut Pelli die gemeinsame Haltung: Die Vision ist wichtiger als die eigene Befindlichkeit. Beide freuten sich bewusst über die Erfolge des jeweils anderen, da echtes Wachstum nur gemeinsam gelingt.
Kulturveränderung: von oben oder von unten?
Auf die Frage, ob eine Kulturveränderung eher von der Gemeindeleitung oder von einzelnen Mitgliedern ausgehen müsse, ist Pelli klar: "Der Fisch stinkt immer vom Kopf her." Ohne die Unterstützung der Leitung sei jede Veränderung ein aussichtsloses Unterfangen. Einzelne Mitglieder könnten jedoch "nach oben leiten", indem sie gute, herausfordernde Fragen stellen.
Pelli beschreibt ein verbreitetes Problem, das er "Heilsegoismus" nennt: die Haltung, dass es einem selbst mit Jesus gut geht und man sich deshalb nicht um Menschen kümmern müsse, die ihn noch nicht kennen. Wichtige Bauprojekte der Gemeinde wurden zum Teil kritisiert, als würde man sich nur ein "Denkmal" errichten wollen. Pellis Antwort darauf war stets: Man baue für die, die noch nicht da sind.
Er berichtet auch von Situationen, in denen einzelne Menschen mit evangelistischer Begabung in ihrer bisherigen Gemeinde nicht zum Zug kamen und erst nach einem Gemeindewechsel aufblühten – mit weitreichenden Folgen für ganze Familien und Freundeskreise, die durch sie zum Glauben fanden. Gleichzeitig warnt Pelli davor, voreilig zu einem Wechsel zu raten; manchmal sei es weiser, geduldig auszuhalten, zu beten und dranzubleiben.
Kleingruppen und geistliche Entwicklung
An der Prisma-Kirche liegt der Fokus von Kleingruppen nicht primär auf Evangelisation, sondern auf geistlicher Entwicklung im Ganzen – auf Charakterbildung, dem Teilen des Lebens und gegenseitiger Rechenschaft. Jedes Gemeindemitglied soll Teil einer Kleingruppe sein, wobei bereits eine "Zweierschaft" als kleinste Form zählt.
Warum hat Evangelisation höchste Priorität im Leitbild?
Im Leitbild der Prisma-Kirche hat der evangelistische Wert höchste Priorität – eine ungewöhnliche Gewichtung. Pelli begründet dies damit, dass Anbetung, Jüngerschaft, Diakonie und Gemeinschaft primär unter Christen stattfinden, während Evangelisation den Schritt auf "fremdes Gebiet" bedeutet – zu Menschen, die den Heiligen Geist noch nicht haben. Dies erfordere deutlich mehr Mut und Motivation als andere Bereiche.
Er ist überzeugt: Ohne bewusste, dauerhafte Anstrengung würde sich der Fokus einer Gemeinde innerhalb weniger Jahre automatisch nach innen verschieben – vom Interesse an Außenstehenden hin zur reinen Selbstbeschäftigung der bestehenden Mitglieder.
Prisma Plus: Unterstützung für Gemeindeleiter
Über das Programm "Prisma Plus" lädt die Gemeinde Leiter aus anderen Gemeinden für vier Tage kostenlos ein, um die gelebte Kultur der Prisma-Kirche direkt vor Ort zu erleben. Die Gäste wohnen bei Privatpersonen aus der Gemeinde, um die gelebte DNA authentisch mitzuerleben, statt nur theoretische Konzepte zu vermitteln. Das Motto lautet: "Beschenkt, um weiterzuschenken."
Der häufigste Fehler evangelistisch werdender Gemeinden
Nach Pellis Beobachtung besteht der größte Fehler darin, in Aktionen statt in Kultur zu denken. Bewusst verzichtet die Prisma-Kirche auf ein eigenes Evangelisationsteam, da dies laut Pelli dazu führen würde, dass sich der Großteil der Gemeinde aus der Verantwortung zieht. Stattdessen soll jedes Gemeindemitglied verstehen, wie es selbst zum evangelistischen Auftrag beiträgt – selbst bei scheinbar nebensächlichen Aufgaben wie dem Ausschenken von Kaffee am Sonntagmorgen. Exzellenz, betont Pelli, bedeutet dabei nicht Perfektionismus, sondern das Beste aus den vorhandenen Möglichkeiten zu geben.
Sind wir bereit, den Preis einer Erweckung zu zahlen?
Angesprochen auf die These, viele Gemeinden seien selbst im Falle einer echten geistlichen Erweckung nicht in der Lage, diese aufzufangen, bestätigt Pelli diese Beobachtung. Viele Menschen beten zwar um Erweckung, seien aber nicht bereit für den damit verbundenen Preis: neue Menschen mit anderer Kultur, anderem Aussehen oder sichtbareren Schwächen als die etablierten Gemeindemitglieder.
Als Beispiel nennt er eine Frau, die jahrelang für Erweckung betete – doch als tatsächlich immer mehr neue Menschen zum Glauben kamen, verlor sie an Bedeutung innerhalb der Gemeinde und verließ diese schließlich.
An der Prisma-Kirche gilt bewusst die Priorität, dass nach dem Gottesdienst zuerst neue Menschen angesprochen werden, nicht die langjährigen Mitglieder. Als konkretes Beispiel für notwendige Veränderungen berichtet Pelli, dass ein 80-jähriges Gemeindemitglied eigenständig die alte Holzkanzel zersägte, nachdem er verstanden hatte, dass mehr Nähe zu den Menschen gewünscht war.
Wie können wir uns auf geistlichen Aufbruch vorbereiten?
Als zentralen Schlüssel nennt Pelli ein neu vertieftes Verständnis des Evangeliums: Was bedeutet es wirklich, dass Jesus für uns gestorben ist? Viele Christen seien müde von ständigen Appellen, sich mehr anzustrengen. Stattdessen solle die Beschäftigung mit Jesus selbst im Vordergrund stehen – die Motivation zur Evangelisation solle aus entdeckter Liebe entstehen, nicht aus moralischem Druck.
Pelli illustriert dies mit dem Gleichnis vom Schatz im Acker: Wer den Schatz wirklich entdeckt hat, ist bereit, alles dafür zu geben. Als eindrückliches persönliches Beispiel erzählt er die Geschichte von "Micha", einem ehemaligen Hooligan und Drogendealer, der über Monate hinweg bei Predigten zuhörte, schließlich zum Glauben kam und sich anschließend selbstständig – ohne moralischen Druck, sondern aus innerer Überzeugung – von Alkohol und anderen Gewohnheiten löste. Micha wurde später zu einem der wirkungsvollsten Evangelisten der Gemeinde.
Pelli betont: Nachfolge geschieht, weil Jesus uns liebt – nicht damit er uns liebt.
Wie können entmutigte Christen ausgerüstet werden?
Viele Christen verbinden mit dem Begriff "Evangelisation" ein einschüchterndes Bild: das Gespräch mit Fremden über Themen, die man selbst nicht sicher beherrscht. Pelli sieht darin eine unnötige Engführung, die den Großteil der Christen überfordert und entmutigt. Zudem hätten viele Menschen Evangelisation früher als aggressive "Schlaghammermethode" erlebt.
In seinem Material "42 Tage für meine Freunde" unterscheidet Pelli sechs verschiedene Evangelisationsstile:
Dienender Stil – Menschen durch praktische Hilfe erreichen (biblisches Beispiel: Tabita)
Intellektueller Stil – durch Argumentation überzeugen
Zeugnishafter Stil – die eigene Geschichte erzählen
Einladender Stil – Menschen zu Veranstaltungen mitnehmen
Konfrontativer Stil – Menschen direkt herausfordern
Wenn Menschen ihren eigenen Stil entdecken, entsteht laut Pelli eine große Erleichterung: Niemand muss sich verstellen oder zu jemand anderem werden – jeder kann in seiner eigenen Art evangelisieren.
Sich von Jesus die Füße waschen lassen
Auf die Frage, was es bedeutet, sich von Jesus "die Füße waschen zu lassen", verweist Pelli auf die biblische Szene, in der Petrus sich zunächst weigert, sich von Jesus die Füße waschen zu lassen. Für Pelli bedeutet dies, sich Jesus mit den eigenen Schwächen, dem eigenen Stolz und den eigenen Abgründen radikal ehrlich zu öffnen. Er pflegt selbst eine enge, verbindliche Freundschaft, in der offen über schwierige Themen wie Sexualität, Macht oder Geld gesprochen wird.
Pelli berichtet auch von einer eigenen Krebserkrankung vor einigen Jahren sowie von einer erneuten depressiven Phase, in der er dennoch einem anderen Menschen zum Glauben verhelfen durfte. Für ihn zeigt dies: Jesus baut sein Reich nicht in erster Linie durch menschliche Stärke, sondern gerade durch Schwäche.
Das Projekt "42 Tage für meine Freunde"
Vor rund 20 Jahren entwickelte Pelli aus etwa 30 gesammelten evangelistischen Werten sechs zentrale Werte für seine Gemeinde (mittlerweile plant er einen siebten hinzuzufügen):
Überzeugung von der guten Nachricht
Die gute Nachricht im eigenen Stil weitergeben
Sich in Beziehungen investieren (Zeit, Geld, Gebet)
Echtes Interesse an Menschen und ihrer Geschichte
Die eigene Glaubensgeschichte erzählen können
Zu Jesus einladen können
(geplant) Im Vertrauen auf die Kraft des Heiligen Geistes wirken
Aus diesen Werten entstand eine siebenwöchige Gemeindekampagne mit sieben Predigten, Schulungsabenden, einem Abschlussgottesdienst und begleitendem Material für die persönliche Stille Zeit. Während der Kampagne wird laut Pelli bewusst das gesamte übrige Gemeindeprogramm pausiert, um den vollen Fokus auf diese Werte zu legen.
Was ursprünglich nur für die eigene Gemeinde gedacht war, wird mittlerweile in mehreren Sprachen angeboten und wurde nach Angaben Pellis bereits von über 350 Gemeinden im deutschsprachigen Raum mit über 30.000 verkauften Heften durchgeführt.
Pelli betont, dass eine erfolgreiche Umsetzung eine sorgfältige Vorbereitung braucht: Zunächst muss die Gemeindeleitung geschlossen hinter dem Projekt stehen, danach müssen Mitarbeitende gewonnen werden, bevor die gesamte Gemeinde einbezogen wird. In seiner eigenen Gemeinde beteiligten sich beim ersten Durchlauf rund 250 von etwa 300 Mitgliedern – darunter auch einige Menschen, die selbst noch keine Christen waren, für die die Kampagne ausdrücklich offen gestaltet wurde.
Die religiöse Landschaft in der Schweiz
Auf die Frage nach der Säkularisierung der Schweiz beschreibt Pelli ein Land mit großem Wohlstand, aber auch großer Einsamkeit und spiritueller Suche – erkennbar unter anderem an einer verbreiteten Offenheit für esoterische Angebote in seiner Region. Viele Menschen, die später zum Glauben finden, hätten zuvor bereits Erfahrungen mit Praktiken wie Handlesen oder Pendeln gemacht. Gleichzeitig beobachtet Pelli eine wachsende Offenheit gegenüber Authentizität und eine geringere Abwehrhaltung als früher.
Als besonders bemerkenswert beschreibt er eine geplante gesamtschweizerische Konferenz unter dem Titel "Eine Kirche für andere", die von 15 verschiedenen Kirchenverbänden gemeinsam getragen wird – über konfessionelle und ideologische Grenzen hinweg. Geplant sind zudem lokale "Learning Communities" sowie ein Zehn-Jahres-Plan zur Kulturveränderung von Kirchen in der Schweiz.
Zum Ruf von Freikirchen in der Schweiz berichtet Pelli von einem gezielten, langjährigen Aufbau von Vertrauen – unter anderem durch proaktive, transparente Öffentlichkeitsarbeit sowie den offenen Austausch mit einem Sektenbeauftragten, um ehrliches Feedback zur eigenen Wahrnehmung zu erhalten.
Bekehrungswachstum versus Transferwachstum
Auf die Frage, wie viele der neuen Mitglieder der Prisma-Kirche tatsächlich durch persönliche Bekehrung und nicht durch Wechsel aus anderen Gemeinden hinzugekommen sind, kann Pelli keine exakte Zahl nennen, betont aber, dass das Hauptwachstum eindeutig auf echte Bekehrungen zurückgehe. Als Beispiel nennt er sein Alpha-Kursteam: Zwei Drittel der rund 18 Kleingruppenleiter sind selbst durch den Alpha-Kurs zum Glauben gekommen. Auch im obersten Leitungsgremium der Gemeinde sitzen mittlerweile Menschen, die dort zum Glauben fanden.
Gegenüber Mitgliedern, die aus anderen Gemeinden wechseln möchten, verfolgt die Prisma-Kirche bewusst strengere Maßstäbe und verweist konsequent auf das eigene Leitbild und dessen klaren Fokus.
Die Rolle des Gebets
Gebet spielt an der Prisma-Kirche eine zentrale, aber laut Pelli auch "umkämpfte" Rolle. Die Gemeinde veranstaltet alle zwei Wochen Gebetsabende sowie ein wöchentliches Männerfrühgebet mit 50 bis 70 Teilnehmenden. Die Gemeindeleitung lebt eigene Gebetszeiten bewusst vor, um diesen Wert glaubwürdig zu vermitteln.
Abschließende Empfehlungen
Zum Abschluss des Gesprächs empfiehlt Pelli neben der Bibel zwei Bücher: "Gentle and Lowly" von Dane Ortlund, das die Persönlichkeit Jesu vertieft, sowie den – mittlerweile schwerer erhältlichen – Klassiker "So wird Ihre Gemeinde ansteckend" von Mark Mittelberg.
Als seine eigene größte Herausforderung nennt Pelli, sich bewusst Freiraum für Menschen zu schaffen, die Jesus noch nicht kennen, obwohl sein beruflicher Alltag zu etwa 95 Prozent aus dem Kontakt mit bereits gläubigen Menschen besteht.
Sein praktischer Tipp für die Hörerschaft: Sich eine halbe Stunde Zeit zu nehmen und – am besten schriftlich im eigenen Tagebuch – der Frage nachzugehen, warum Jesus nicht nur das Beste zum Sterben, sondern auch das Beste zum Leben ist.
Fazit
Reto Pellis Erfahrungen aus über 25 Jahren Gemeindeleitung zeigen: Eine echte Evangelisationskultur entsteht nicht durch einzelne Aktionen oder kurzfristige Kampagnen, sondern durch einen langfristigen, oft mühsamen Prozess der Kulturveränderung, der Geduld, Ehrlichkeit und klare Prioritäten erfordert. Im Zentrum steht dabei für Pelli immer wieder dieselbe Überzeugung: Wer die Liebe und Güte von Jesus selbst tief erfahren hat, kann diese kaum für sich behalten – und genau daraus, nicht aus moralischem Druck, entsteht nachhaltige evangelistische Wirkung.