Wird das Christentum von rechts unterwandert? Eine kritische Bestandsaufnahme
Gloralis
Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind ausschließlich die des Autors bzw. der Gesprächsteilnehmer und stellen nicht die Ansichten Gloralis dar. Wir veröffentlichen verschiedene Perspektiven, um eine differenzierte Diskussion zu fördern.
Einleitung
In den letzten Monaten ist die Frage, ob charismatisch-evangelikale Christen von einem politisch rechten Nationalismus vereinnahmt werden, zu einem medialen Dauerthema geworden – sowohl in säkularen Medien als auch innerhalb der Kirche selbst. Zahlreiche Dokumentationen in öffentlich-rechtlichen Sendern haben in jüngster Zeit den gesellschaftlichen Einfluss christlicher Gruppierungen kritisch beleuchtet. Auffällig dabei: Diese Berichte stellen die betroffenen Gemeinschaften weniger als religiöse Glaubensgemeinschaften dar, sondern vor allem als politische und gesellschaftliche Machtakteure – teils sogar als demokratiefeindliche, extremistische Bewegungen.
Dieser Artikel geht der Frage auf den Grund, ob das Christentum tatsächlich vom rechtsradikalen Extremismus unterwandert wird und ob umgekehrt ein christlicher Extremismus die Politik unterwandert. Dabei wird das Thema auf vier Ebenen betrachtet: Erstens die mediale Berichterstattung und ihre kritische Würdigung, zweitens die tatsächlich problematischen Entwicklungen in den USA rund um die Vorstellung eines „Reiches Gottes“, drittens die wissenschaftlich-theologische Rezeption dieser Phänomene, und viertens ein Ausblick auf eine theologisch angemessene Art des Christseins in der Welt – in der Welt, aber nicht von der Welt.
Die mediale Berichterstattung im kritischen Blick
Der zentrale Vorwurf, der in säkularen wie kirchlichen Medien immer wieder erhoben wird, lässt sich so zusammenfassen: Radikale Christen streben nach Macht. Sie nutzen ihre mediale Reichweite und kommunikative Strategien auf Plattformen wie YouTube, Instagram und X, um gesellschaftliche Meinungen zu beeinflussen und ihre religiösen und ethischen Überzeugungen durchzusetzen – mit dem erklärten Ziel eines Gottesstaates.
Eine genaue Analyse mehrerer aktueller Beiträge zeigt jedoch erhebliche methodische und journalistische Schwächen in dieser Berichterstattung.
Fehlende Differenzierung zwischen konservativ, rechtspopulistisch und rechtsextrem
Ein grundlegendes Problem besteht darin, dass Positionen, die nicht dem linken Spektrum zuzuordnen sind, kaum noch differenziert werden. Konservative, rechtspopulistische und rechtsextreme Haltungen werden pauschal als „rechts“ bezeichnet und damit insgesamt als illegitim abgestempelt. Besonders deutlich zeigt sich diese Problematik im Blick auf die USA, wo unter dem Sammelbegriff „rechts“ traditionell wertkonservative Republikaner, Trump-Anhänger, offene Rechtsextreme sowie libertäre Silicon-Valley-Akteure zusammengefasst werden – Gruppen, die untereinander teils völlig unvereinbare Anliegen vertreten und sich lediglich in ihrer Ablehnung des progressiven Lagers einig sind.
Wenn diese Differenzierungen innerhalb des rechten Spektrums nicht mehr vorgenommen und aktiv diskutiert werden, wird der eigentlichen politischen Mitte der Raum genommen. Menschen mit gemäßigt-konservativen Ansichten finden dann keinen Platz mehr für ihre Position in der öffentlichen Debatte und sehen sich gezwungen, sich selbst als „rechts“ zu verorten – was das ursprüngliche Problem eher verschärft als löst.
Zudem gilt: Wenn eine legitime politische Linke existiert, muss auch eine legitime politische Rechte anerkannt werden. Ein differenzierter Blick auf politische Strömungen ist notwendig, um tatsächliche Gefahren überhaupt identifizieren zu können.
Drei Beispiele problematischer Berichterstattung
Beispiel 1: Ein ARD-Kurzbeitrag über Glaube und Fußball. Der Beitrag beschreibt, wie Fußballprofis öffentlich ihren Glauben leben und mit Jugendlichen ins Gespräch kommen – und deutet dies als möglicherweise „gezielte Missionsarbeit“ im Sinne eines „ultra-konservativen Weltbilds“. Problematisch ist hier vor allem das Framing: Begriffe wie „ultra-konservatives Weltbild“ oder „gezielte Missionsarbeit“ etikettieren von Beginn an etwas als bedenklich, ohne zu erklären, warum das Überzeugen anderer vom eigenen Glauben in einer pluralen Demokratie überhaupt problematisch sein sollte. Schließlich handelt es sich um einen ganz normalen demokratischen Aushandlungsprozess, den auch andere gesellschaftliche Gruppen praktizieren.
Beispiel 2: Eine ZDF-Miniserie über christliche Influencer. Am Beispiel der Band „Die Obros“, die mit christlichem Rap Chartplatzierungen erreicht hat, argumentiert der Beitrag nach dem Muster einer klassischen Verschwörungstheorie: Nichts geschieht zufällig (die Band sei Teil eines koordinierten Netzwerks), nichts ist wie es scheint (hinter dem Rap über Jesus und Nächstenliebe stecke eine politische Agenda), und alles ist miteinander verbunden (die Band wird über mehrere Ecken mit dem US-Pastor und Trump-Unterstützer Bill Johnson in Verbindung gebracht, weil beide auf derselben Konferenz aufgetreten sind). Eine solche „Guilt by Association“-Logik lässt sich beliebig ausweiten: Nahezu jede Person, die je auf derselben Veranstaltung aufgetreten ist wie eine kritisierte Figur, ließe sich auf diese Weise belasten. Der Beitrag suggeriert eine Bedrohung, ohne sie mit konkreten, demokratiefeindlichen Aussagen zu belegen.
Gleichzeitig ist anzuerkennen, dass ein reales Problem existieren kann, wenn christliche Influencer eng mit Personen verbunden sind, die politische Bewegungen wie die von Donald Trump ungefiltert unterstützen. Wird geistliche Autorität mit einer bestimmten Parteipolitik verschmolzen – etwa wenn die Ablehnung Trumps mit einer Abkehr von Gottes Wegen gleichgesetzt wird –, dann wird der christliche Glaube tatsächlich ideologisch vereinnahmt. Auffällig bleibt jedoch, dass eine vergleichbare Gefahr einer Vereinnahmung des Christentums durch linke Politik in der Berichterstattung praktisch nie thematisiert wird.
Beispiel 3: Eine BR-Dokumentation über „hippe Missionare“. Dieser Beitrag über charismatische Erneuerungsbewegungen zeigt exemplarisch, wie Framing funktioniert: Aussagen werden aus ihrem Kontext gerissen und in einen bereits wertenden Rahmen gestellt, sodass Zuschauerinnen und Zuschauer sich kaum noch ein eigenes Urteil bilden können. So wird etwa Johannes Hartl, Leiter des Gebetshauses Augsburg, mit teils Jahrzehnte alten, aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten konfrontiert, obwohl er in ausführlichen Interviews differenzierte Antworten gegeben hatte, die im fertigen Beitrag kaum vorkamen. Auch die Leiterin der österreichischen Loretto-Gemeinschaft, Bernadette Lang, wird abwertend als „Aushängeschild“ bezeichnet.
Besonders auffällig ist, wie ganz normale christliche Praktiken – Gebet, Lobpreis, Gemeinschaft – als Freiheitsentzug oder sektenähnliches Verhalten dargestellt werden, während eigentlich positive Eigenschaften wie Offenheit und eine professionelle, zeitgemäße Kommunikation über Social Media plötzlich als verdächtig gelten. Dabei wird von Kirchen gesellschaftlich eigentlich gerade mehr Professionalität gefordert; sobald diese jedoch tatsächlich umgesetzt wird, gilt sie als manipulative Inszenierung. Der eigentliche inhaltliche Streitpunkt – welche theologischen oder politischen Positionen konkret vertreten werden – wird in all diesen Beiträgen kaum thematisiert.
Zusammenfassung der medialen Schwächen
Drei wiederkehrende Muster lassen sich in dieser Berichterstattung feststellen:
Unbegründete Vorannahmen: Politische und moralische Positionen, die viele Christen teilen, werden ohne Erklärung als problematisch bewertet und pauschal als „konservativ“ abgewertet.
Framing: Aussagen werden in einen bestimmten Deutungsrahmen eingebettet, um die Wahrnehmung der Zuschauer von vornherein zu lenken, ohne konkret zu benennen, was daran eigentlich problematisch sein soll.
Verschwörungslogik: Hinter harmlosen Aussagen wird routinemäßig eine verborgene, böswillige Agenda vermutet.
Eine faire und konstruktive Medienkritik müsste zunächst die kritisierte Position korrekt wiedergeben, bevor sie bewertet wird – ansonsten wird lediglich gegen ein Zerrbild argumentiert. Wenn das öffentliche Ausleben des eigenen Glaubens grundsätzlich unter Generalverdacht gestellt wird, sinkt langfristig das Vertrauen in die Medien, und echte gesellschaftliche Pluralität wird untergraben.
Der Blick in die USA: Wo die Kritik tatsächlich berechtigt ist
So berechtigt die Kritik an vielen Medienbeiträgen ist – in den Vereinigten Staaten existieren tatsächlich Entwicklungen, die eine kritische Auseinandersetzung rechtfertigen.
Project 2025
Wer den US-Wahlkampf 2024 verfolgt hat, kennt vermutlich das sogenannte „Project 2025“ – ein politisches Programm konservativer US-Organisationen unter Führung der Heritage Foundation. Ziel ist eine grundlegende Umstrukturierung der US-Regierung: Nicht nur Schlüsselpositionen, sondern auch reguläre Regierungsstellen in verschiedensten Behörden sollen mit konservativ ausgerichteten Personen besetzt werden. Selbst eigentlich unabhängige Institutionen wie das FBI oder das Justizministerium sollen stärker der direkten Kontrolle des Präsidenten unterstellt werden. Viele der führenden Köpfe hinter diesem Projekt, etwa Kevin Roberts und Russ Vought, verstehen ihr Anliegen explizit als christlich motiviert. Ein solches Programm geht deutlich über die übliche politische Besetzung von Regierungsposten hinaus und stellt eine potenzielle Gefahr für Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit dar.
Christlicher Nationalismus als Vereinnahmung des Glaubens
Problematisch wird es insbesondere dann, wenn genuin christliche Anliegen – etwa Lebensschutz, eine konservative Sexualethik oder die Betonung der Familie – politisch instrumentalisiert werden, um im Gegenzug auch andere, unabhängig davon zu bewertende politische Positionen mitzutragen, etwa einen aggressiven Nationalismus in der Außenpolitik. Ein besonders plakatives Beispiel ist Pastor Robert Jeffress von der First Baptist Church in Dallas, ein glühender Trump-Unterstützer, der öffentlich erklärte, er wolle keinen sanftmütigen Anführer, sondern den „gemeinsten und härtesten“ Anführer, den er finden könne, um die Nation zu schützen. Eine solche Haltung – bei der die primäre Loyalität der Nation und nicht Gott gilt – lässt sich zu Recht als christlicher Nationalismus bezeichnen.
Gleichzeitig ist Vorsicht bei der Verwendung dieses Begriffs geboten: Wird er zu undifferenziert eingesetzt, drohen auch legitime, authentisch christliche und konservative Anliegen pauschal mitverurteilt zu werden. Es gibt durchaus Gegenbeispiele – etwa orthodoxe Christen in den USA, die in ethischen Fragen sehr konservativ eingestellt sind, politisch aber keineswegs auf Linie mit Trump oder einem amerikanischen Führungsanspruch gehen, weil ihre Loyalität Jesus Christus gilt und nicht einem nationalen Machtanspruch.
Dominionismus und die New Apostolic Reformation
Innerhalb des Christentums existieren jedoch tatsächlich Bewegungen, deren Verständnis von Kirche und Staat in echter Spannung zu Demokratie und Rechtsstaat steht. Diese werden unter dem Begriff Dominionismus oder Herrschaftstheologie zusammengefasst: der Überzeugung, dass Christen die moralische, spirituelle und gesellschaftliche Kontrolle übernehmen sollten, um eine Transformation hin zu einer christlichen Nation herbeizuführen.
Ein Beispiel ist die „New Apostolic Reformation“ unter Peter Wagner, deren theologisches Fundament explizit als Herrschaftstheologie beschrieben wird: Der göttliche Auftrag bestehe darin, die Herrschaft über Gottes Schöpfung zurückzugewinnen, die Adam im Garten Eden an Satan verloren habe. Die zugrundeliegende Erzählung lässt sich in vier Schritten zusammenfassen: Adam erhielt ursprünglich die Herrschaft über die Erde; Satan griff dieses Mandat an und Adam verlor es; Jesus Christus stellte durch sein Werk die Möglichkeit der Wiederherstellung her, wobei dieser Prozess noch nicht abgeschlossen sei; und schließlich habe Jesus die Aufgabe, das Reich Gottes aufzubauen, an seine Nachfolger delegiert.
Problematisch wird diese Erzählung insbesondere dann, wenn behauptet wird, seit dem Jahr 2001 habe ein „zweites apostolisches Zeitalter“ begonnen, in dem Christen aufgerufen seien, mittels „geistlicher Kampfführung“ in allen gesellschaftlichen Bereichen aktiv zu werden – nicht nur betend, sondern auch durch konkrete gesellschaftliche und politische Einflussnahme. Solche Vorstellungen sind in den USA nicht ohne gesellschaftliche Wirkung geblieben: Personen wie Paul White (Leiter des White House Faith Office) oder der Speaker of the House, Mike Johnson, stehen diesen Überzeugungen erkennbar nahe.
Das Seven Mountain Mandate
Eng verbunden mit dem Dominionismus ist die Lehre des „Seven Mountain Mandate“ (Sieben-Berge-Mandat), die auf das Jahr 1975 zurückgeht. Zentrale geistliche Leiterfiguren – Loren Cunningham (Jugend mit einer Mission), Bill Bright (Campus für Christus) und Francis Schaeffer – sollen demnach eine Botschaft erhalten haben, wonach Christen in sieben gesellschaftliche Bereiche eindringen sollten: Familie, Religion, Bildung, Medien, Unterhaltung, Wirtschaft und Politik. Popularisiert wurde die Idee vor allem durch das 2013 erschienene Buch „Invading Babylon: The Seven Mountain Mandate“ von Lance Wallnau und Bill Johnson, in dem eine Sprache von Invasion und gesellschaftlicher Infiltration verwendet wird.
Ein zentrales theologisches Problem vieler dieser charismatischen Bewegungen – etwa der Bethel-Kirche um Bill Johnson – liegt in einer überrealisierten Eschatologie: Das Reich Gottes wird nicht als zukünftige, sondern als bereits jetzt durch eigene kirchliche Aktivität herstellbare Größe verstanden, ohne die im Neuen Testament angelegte Spannung zwischen „schon“ und „noch nicht“ zu berücksichtigen. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich Bill Johnson selbst später öffentlich von den militanten und politisierten Formulierungen distanziert und klargestellt hat, dass es ihm eigentlich um ein aktives, positives gesellschaftliches Engagement von Christen ging – ein Anliegen, das für sich genommen nicht ungewöhnlich ist.
Historisch betrachtet ist dieser Gedanke zudem eine vereinfachte, teils einseitig übernommene Version der sogenannten Sphärensouveränität, wie sie im Neukalvinismus des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde – etwa bei Abraham Kuyper oder Herman Dooyeweerd. Die ursprüngliche Idee besagt, dass verschiedene gesellschaftliche Sphären (Familie, Politik, Wirtschaft usw.) jeweils eigene Logiken besitzen, die respektiert werden müssen, und dass keine Sphäre die anderen dominieren darf – dominiert etwa die Politik alles, entsteht Tyrannei; dominiert die Wirtschaft alles, entsteht eine Marktgesellschaft ohne Grenzen. Diese differenzierte Position steht dem, was im „Seven Mountain Mandate“ vorgeschlagen wird, deutlich näher als es zunächst scheinen mag – und ist zugleich weit entfernt von der Vorstellung, das Reich Gottes selbst und unmittelbar an allen gesellschaftlichen Fronten errichten zu können und zu müssen.
Wie die Theologie das Thema aufgreift
Die Dissertation von Maria Hinsenkamp
Ein zentraler wissenschaftlicher Bezugspunkt für viele der besprochenen Medienberichte ist eine vor rund zwei Jahren erschienene Dissertation der Theologin Maria Hinsenkamp, die auch selbst in mehreren der genannten Dokumentationen als Expertin auftrat. Sie beschreibt ein gut vernetztes, interkonfessionelles Christentum, das sie unter dem Begriff „KiNC“ (Kingdom Minded Network Christianity) zusammenfasst – Gläubige, die sich für die Ausbreitung der Herrschaft Gottes in der Welt einsetzen. Zu diesem Netzwerk zählt sie unter anderem Hillsong, ICF, die Lausanner Bewegung, Campus für Christus, aber auch katholische Akteure wie Johannes Hartl, Bischof Oster von Passau oder die Loretto-Bewegung.
Methodisch stellt Hinsenkamp zunächst klar, dass dieses Netzwerk nicht als real existierende Struktur, sondern als „idealtypisches Konstrukt“ zu verstehen sei – ein Modell, das bestimmte Phänomene sichtbar machen, aber nicht wörtlich als tatsächlich existierende Organisation verstanden werden solle. Diese methodische Vorsicht wird im weiteren Verlauf der Arbeit jedoch nicht konsequent durchgehalten: Die radikale amerikanische Ausprägung des dominionistischen Christentums wird als Interpretationsschema verwendet, um ganz unterschiedliche christliche Bewegungen und Organisationen einzuordnen und zu bewerten – bis hin zu ausführlichen Netzwerkdiagrammen, in denen etwa auch das eigene Umfeld der Autorenschaft dieses Artikels vertreten ist.
Das Ergebnis ist eine sehr niedrige Eintrittsschwelle in dieses vermeintliche Netzwerk: In Hinsenkamps Analyse erscheinen selbst Personen wie Kim Kardashian, Nicky Gumbel, Justin Bieber oder Papst Franziskus als vernetzt. Solche losen thematischen oder personellen Verbindungen – etwa das gemeinsame Auftreten auf derselben Konferenz – bedeuten jedoch keineswegs eine inhaltliche Übereinstimmung aller Beteiligten. Wenn sowohl der Abt eines katholischen Klosters als auch ein Popstar in ein und demselben „Netzwerk“ verortet werden, stellt sich die berechtigte Frage, was ein solches Konzept überhaupt noch erklären kann.
Was das „KiNC“-Konzept beschreibt
Nach Hinsenkamp zeichnet sich dieses Netzwerk durch eine „prozessual-millenialistische“ Ausrichtung aus – gemeint ist die Vorstellung, dass sich das Reich Gottes bereits vor der Wiederkunft Christi durch das Handeln von Christen ansatzweise verwirklicht. Neben dieser zentralen Vision nennt sie vier weitere charakteristische Elemente:
Gebet und geistlicher Kampf: die Überzeugung, dass der eigentliche Kampf gegen geistliche und dämonische Mächte geführt wird, die durch Gebet und Lobpreis überwunden werden sollen.
Jüngerschaft: die Nachfolge Christi als Kernstück persönlicher wie gesellschaftlicher Transformation, beginnend mit der Bekehrung.
Erweckung und Mission: die individuelle Dimension der Rettung sowie eine kosmisch-kulturelle Dimension, die die Christianisierung aller Lebensbereiche als Auftrag versteht.
Einheit: eine starke Betonung persönlicher Beziehungen und netzwerkartiger, weniger institutioneller Organisationsformen über konfessionelle Grenzen hinweg.
Diese Elemente sind jedoch, für sich genommen, keine Besonderheit einzelner charismatischer Randgruppen, sondern gehören zum Kern dessen, was das Christentum seit seinen Anfängen ausmacht: Gebet, geistliche Auseinandersetzung mit dem Bösen, Nachfolge und Heiligung, die missionarische Dimension der Kirche sowie die im Neuen Testament selbst angelegte endzeitliche Perspektive finden sich bereits in den Evangelien und bei Paulus. Werden diese genuin christlichen Grundvollzüge grundsätzlich als sonderbar oder verdächtig dargestellt, entsteht ein unterschwellig wertender Ton, der zwischen tatsächlich problematischen Bewegungen wie der New Apostolic Reformation und ganz gewöhnlichen christlichen Anliegen kaum noch unterscheidet.
Besonders kritisch ist zudem, dass Hinsenkamp selbst dort, wo explizit nicht herrschaftstheologisch gesprochen wird – etwa bei Begriffen wie „Verantwortung“, „Kulturgestaltung“ oder „christliche Werte“ – vermutet, dass sich dieselbe Herrschaftstheologie lediglich in codierter, sprachlich abgeschwächter Form verberge. Damit gerät praktisch jede Rede von gesellschaftlicher Verantwortung oder kultureller Mitgestaltung unter Generalverdacht – ein Diskursmuster, das eher polarisiert als aufklärt, da es dem Gegenüber grundsätzlich misstraut, unabhängig davon, was tatsächlich gesagt wird.
Auch wenn Hinsenkamp direkte politische Einflussnahme in kulturkämpferischen Fragen durchaus zu Recht kritisch bewertet – etwa wenn von einem „geistlichen Marsch durch die Institutionen“ die Rede ist, der kulturelle Vorherrschaft zurückgewinnen und Narrative prägen will –, bleibt festzuhalten: Gesellschaftliche Einflussnahme und das Ringen um Deutungshoheit sind in einer Demokratie zunächst grundsätzlich legitime Vorgänge, die jede gesellschaftliche Gruppierung betreibt. Problematisch wird es erst, wenn konkret benannt werden kann, welche Narrative verfolgt und mit welchen Mitteln sie durchgesetzt werden sollen – eine inhaltliche Auseinandersetzung, die in der bloßen Feststellung von „Einflussnahme“ noch nicht stattfindet.
Zusammenfassung: Wo die Unterscheidung ansetzen muss
Die zentrale Gefahr der beschriebenen theologischen Analyse besteht darin, jede Rede vom Reich Gottes pauschal in einen Topf zu werfen. Notwendig ist stattdessen eine klare Unterscheidung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Gruppen: jenen, die tatsächlich eine kirchliche oder christlich legitimierte politische Herrschaft über die Gesellschaft anstreben – eine vergleichsweise kleine Gruppe – und jenen, die im Kommen Jesu Christi das Anbrechen des Reiches Gottes erkennen und ihn bereits jetzt als erhöhten Herrscher der Welt bekennen, wie es im Grunde alle christlichen Traditionen im Vaterunser gemeinsam beten. Die eigentlich interessante Frage ist nicht, ob Christen von diesem Reich Gottes sprechen, sondern wie sie es deuten und welche Rolle sie und die Kirche in diesem Prozess für sich beanspruchen.
Eine theologische Antwort: Reich Gottes zwischen Engagement und Relativierung
Die Grenzen jeder politischen oder kirchlichen Vereinnahmung
Sowohl in der beschriebenen amerikanischen Extremform als auch in ihrer theologischen Rezeption fehlt eine entscheidende Unterscheidung: dass das Reich Gottes etwas grundlegend anderes sein könnte als ein politisches Herrschaftsprojekt in dieser Welt – ganz gleich, ob offen oder ideologisch verschleiert als „Werte“-Diskurs formuliert. Der christliche Glaube an Jesus Christus als Herrscher der Welt und die Hoffnung auf das kommende Reich Gottes, wie sie seit der Offenbarung des Johannes erbeten wird („Komm, Herr Jesus“), hat vor allem eine relativierende Funktion: Kein Staat, keine Partei und auch kein kirchliches Projekt ist unqualifiziert mit dem Reich Gottes gleichzusetzen. Die Kirche hat sich theologisch daher stets eher als Zeichen oder Verweis auf diese kommende Herrschaft verstanden, nicht als deren unmittelbare Umsetzung. Sie zeigt auf Gott, nicht auf sich selbst und die eigenen Leistungen – denn Menschen können das Reich Gottes nicht selbst herbeiführen.
Ein Glaube mit gesellschaftlicher Relevanz
Diese Relativierung bedeutet jedoch nicht, dass der christliche Glaube ohne Auswirkung auf Alltag und Gesellschaft bliebe. Jesus tritt in den Evangelien öffentlich auf, fordert gesellschaftliche Vorstellungen heraus und sendet seine Nachfolger aus, um die Botschaft vom angebrochenen Reich Gottes zu verkünden. Er spricht nicht nur über das Gebet, sondern ausführlich über den Umgang mit Geld, über Versöhnung mit Mitmenschen und Feinden sowie über politische Fragen. Ein Christentum, das sich auf reine Privatsache oder „Seelenhygiene“ reduzieren lässt, entspricht daher nicht der ursprünglichen Verkündigung Jesu. Aufgrund seines universalen Anspruchs hat der christliche Glaube notwendig soziale, ethische und politische Dimensionen.
Die Spannung: In der Welt, aber nicht von der Welt
Christen sind demnach aufgerufen, aktiv am Reich Gottes mitzubauen – nicht jedoch, dieses Reich selbst und aus eigener Kraft zu errichten. Diese Mitarbeit steht stets unter dem Vorbehalt der Selbstrelativierung auf Gott hin, wie es sich im Gebet „Dein Reich komme, dein Wille geschehe“ ausdrückt: Es ist nicht das eigene Reich, das da kommen soll. Wie der Hebräerbrief betont, haben Christen „keine bleibende Stadt“ hier; wie das Johannesevangelium formuliert, sind sie „nicht von der Welt“, ebenso wie Jesus nicht von der Welt ist. Zugleich gilt aber auch das Wort Jesu an seine Jünger: „Ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt.“ Beide Pole gehören zusammen – das In-der-Welt-Sein und das Nicht-von-der-Welt-Sein.
Konkret bedeutet dies: Christinnen und Christen dürfen und sollen sich aufgrund ihrer Überzeugungen politisch engagieren. Problematisch wird es jedoch, wenn dabei vergessen wird, dass das eigene politische Handeln das Reich Gottes nicht automatisch herbeiführt. Wer das vergisst, läuft Gefahr, selbst die Position Gottes einzunehmen – und wird dadurch unkorrigierbar. Diese Spannung auszuhalten und in der jeweils eigenen gesellschaftlichen Situation neu zu bestimmen, ist eine bleibende Aufgabe der Nachfolge Christi. Im gegenwärtigen öffentlichen Diskurs wird diese Spannung jedoch häufig vorschnell aufgelöst und stattdessen polarisiert.
Pluralität, Wahrheitsanspruch und Demokratie
Ein zentrales Missverständnis, das den besprochenen Medienbeiträgen zugrunde liegt, betrifft das Wesen demokratischer Pluralität selbst. Eine Gesellschaft, die aus Menschen mit unterschiedlichen Weltbildern und Wahrheitsansprüchen besteht, muss unterschiedliche Lebensformen respektieren und einen Diskurs ermöglichen, der diese Differenzen sichtbar macht, gegeneinander abwägt und über politische Mittel zu gemeinsamen Entscheidungen führt. Es ist vollkommen legitim und demokratisch, wenn Menschen Politik, Wirtschaft und Medien mit christlichen – auch konservativen – Werten beeinflussen wollen. Wer meint, solche Positionen dürften allein deshalb nicht mehr öffentlich vertreten werden, weil sie christlich oder konservativ sind, vertritt selbst eine undemokratische Position. Setzt sich eine Position mit überzeugenden Argumenten demokratisch durch, entspricht dies dem normalen Funktionieren von Demokratie – abgesichert durch Mechanismen wie den Minderheitenschutz, die verhindern, dass daraus eine Terrorherrschaft wird.
Auch der häufig erhobene Einwand, ein religiöser Wahrheits- oder Absolutheitsanspruch sei an sich schon problematisch, greift zu kurz: Faktisch lebt jeder Mensch nach der Überzeugung, dass die eigene Lebensweise die richtige sei – dies ist keine Besonderheit religiöser Überzeugungen. Zudem geht es im christlichen Glauben nicht in erster Linie um einen selbst ergriffenen Absolutheitsanspruch, sondern um das Bekenntnis zu Jesus Christus als der Wahrheit, von der Christen sprechen und für die sie werben dürfen – auch das gehört zu einer funktionierenden Demokratie. Eine Wahrheit, die wahr ist, bedarf zudem keiner gewaltsamen Verteidigung; Gewalt ist typischerweise nur nötig, um ein Konstrukt zu schützen, das sich nicht selbst bewahrheiten lässt.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass ein Großteil der kritisierten Berichterstattung letztlich weniger eine fundierte Gefahrenanalyse als vielmehr den Ausdruck einer politischen und kulturellen Ablehnung bestimmter Positionen darstellt.
Ausblick
Die hier aufgeworfenen Fragen werden auch künftig von Bedeutung bleiben: Wie sollen Christinnen und Christen ihren Glauben in der Öffentlichkeit leben? Welche gesellschaftlichen und politischen Allianzen sind sinnvoll, welche nicht? Und was bedeutet es konkret, gleichzeitig Bürger eines Staates und Bürger des Himmels zu sein? Ein Blick in die Bibel und die Kirchengeschichte zeigt, dass Christinnen und Christen zu unterschiedlichen Zeiten ganz verschiedene Antworten auf diese Spannung gefunden haben – ein Erbe, das auch für die gegenwärtige Debatte Orientierung bieten kann.
Fazit
Die mediale Debatte über eine angebliche Unterwanderung des Christentums durch rechten Nationalismus verdient eine differenzierte Antwort. Einerseits zeigt eine genaue Analyse zahlreicher aktueller Medienbeiträge erhebliche methodische Schwächen: fehlende Differenzierung, tendenziöses Framing und eine Argumentationsweise, die Verschwörungstheorien ähnelt, statt Sachverhalte klar zu belegen. Andererseits existieren in den USA tatsächlich ernstzunehmende Entwicklungen – etwa das „Project 2025“, dominionistische Theologien wie die New Apostolic Reformation oder das „Seven Mountain Mandate“ –, die eine kritische theologische und politische Auseinandersetzung rechtfertigen.
Entscheidend ist dabei stets die Unterscheidung zwischen einer tatsächlichen, politisch-religiösen Machtübernahme-Ideologie und dem ganz gewöhnlichen, legitimen Anliegen von Christinnen und Christen, ihren Glauben öffentlich zu leben und gesellschaftlich mitzugestalten. Theologisch gesehen bleibt das Reich Gottes letztlich Gottes eigenes Werk, an dem Menschen mitwirken, ohne es selbst herbeiführen zu können – eine Haltung, die zu Engagement ebenso einlädt wie zur bleibenden Selbstrelativierung. Christinnen und Christen sind, biblisch gesprochen, in der Welt, aber nicht von der Welt.